Der erste Kontakt mit der diesjährigen Leipziger Buchmesse
Berührungsängste waren gestern fehl am Platz. Es war voll von großen Schulklassen mit kleinen Menschen. Überall dort wo so ein Rudel auftrat ging erstmal gar nichts mehr. Speziell im, für mich sehr enttäuschenden, Bereich Comics in Halle 2 war die Hölle los. Wobei ich sagen muss, dass er für mich jedes Jahr enttäuschend ist, da außer den ganz großen Verlagen ja keiner mehr dabei sein will. Wer nicht explizit Mangas im Sortiment hat ist hier verloren. Denn etwas Anderes wird von den Kindern gerade hier in Leipzig nicht gemocht und auch gar nicht begutachtet. Das ist auch der Grund warum ich mich hier in Leipzig noch nie ausstellend engagiert habe.
Eine kleine Konversation die ich übrigens zufällig miterlebte hat die ganze tragische Tragweite des Buchhandels auf dem Silbertablett serviert. Ein Mann, offenbar Buchhändler, ruft seine Mitarbeiterin an und sagt: “Ich habe hier gerade nebenbei mitbekommen wer den Leipziger Buchpreis bekommen hat, er heißt irgendwie mit Kin im Namen (er heißt Georg Klein, anm.) kannst du mal nachschauen? Ja, genau der, kannst du bitte das Buch für morgen bestellen? Ach schade, da haben die anderen wohl alle schon vorher bestellt. Schau mal, ob du es bei Soundso bestellen kannst, die sollen das für uns besorgen. Ja, bestell gleich drei Stück.” Ob sich der gute Mann da nicht übernommen hat, gleich drei Stück eines Buches das er nicht kennt und dessen Autor ihm gar nichts sagt. Wer soll das denn kaufen?
Ansonsten war der gestrige Tag sehr angenehm und ich blieb nach einer Einladung zum Sekt bei Reprodukt dann doch länger als geplant, was mich dann allerdings am Abend etwas unter Zeitdruck für die Lange Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei brachte. Ich verpasste denn auch die erste halbe Stunde und damit die erste halbe Stunde der DLL Lesung und einen Sitzplatz im Schwalbennest.
Ich muss sagen, dass es dieses Jahr extrem voll war und ich mir ein bisschen weniger Andrang bei den Lesungen gewünscht hätte, da ein Lesungs-Hopping über die vier Veranstaltungsbereiche fast ein Ding der Unmöglichkeit war, denn manche Lesungen waren so voll, dass man nicht mal mehr hineingelassen werden konnte. Ich habe es trotzdem geschafft ein recht sportliches Programm hinter mich zu bringen.
Die Lesung der DLL Studenten am Anfang war zum Aufwärmen gedacht, ich konnte mit dem was ich da gehört habe nicht viel anfangen, aber ich habe die Tippgemeinschaft 2010 natürlich erworben und werde die Texte in Ruhe nachlesen. Zudem findet ja am Samstag die obligatorische Releaseparty mit Lesung in der Wächterstraße am DLL statt und da werden auch einige Texte zum Besten gegeben.
Danach war die Wahl schwer, da mir keiner der Autoren etwas sagte. Mein Gespür führte mich aber in die richtige Richtung und ich durfte eine Lesung mit Roman Graf miterleben der aus seinem Buch Herr Blanc las und das gefiel mir schon mal ganz gut. Anschließend dann für mich die beste Lesung des langen Abends von Kristof Magnusson der aus seinem bei Kunstmann erschienen Buch Das war ich nicht gelesen hat. Ein Humorfeuerwerk erster Güte. Ich bin gespannt auf den ganzen Roman, ich habe ihn nämlich sofort gekauft.
Felix Stephan mit seinem Debüt Ach, Lorenz war dann keine sehr spannenden Lesung und ich wanderte weiter zu Björn Kern der aus Das erotische Talent meines Vaters las. Der Anfang war vielversprechend und auch sehr humorvoll, das weitere Kapitel dann, obwohl nach seiner eigenen Aussage ein Kapitel bei dem er selber immer lachen muss ein etwas trockenes. Möglich aber, dass ich nur einfach keinen Zugang zu gebratenen Stierhoden mit Fenchelblattskrotum und Rosmarinhaaren habe, der Appetit auf das Buch verflog jedenfalls schlagartig. Tut mir leid Björn.
Danach die für mich langweiligste Lesung des ganzen Abends. Ute Almut Sandig die wir durch zahlreiche sehr erfolgreiche Lyrikbände, die in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschienen sind, kennen hat bei Schöffling & Co einen Prosaband mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Sie las eine sehr langweilige Kurzgeschichte und auf Grund des fortgeschrittenen Abends und wahrscheinlich zu viel Erdbeersaft fielen mir die Augen fast zu. Errettet hat mich anschließend Clemens Meyer mit seiner Stimme die Klang wie sechzig Zigaretten und zwei Flaschen Whisky täglich. Er las aus seinem neusten Werk Gewalten. Ein Tagebuch welches er im letzten Jahr im Rahmen eines Stipendiums erarbeitet hat und ein tatsächlich geführtes Tagebuch zu fiktiven Geschichten umfunktionierte. Kann man sicher empfehlen, mein Fall ist es aber nicht.
Ich sprang dann rechtzeitig ab, um mich in der letzten Stunde des Abends zu einer Lesung der edit zu begeben. Bei dieser Lesung war Annika Scheffel, Jan Skudlarek und Nora Gomringer. Eine sehr interessante Mischung wie sich am Ende herausstellte. Annika Scheffel las aus ihrem Erstlingsroman Ben, der bei kookbooks erschien (kookbooks der Verlag ist meine heimliche Liebe). Eigentlich kennen wir ja kookbooks als den Lyrik-Verlag schlechthin, sie machen aber auch faszinierende Kinderbücher und Romane. Ben ist ein sehr schönes Buch und wahrscheinlich meine zweitliebste Empfehlung des Leseabends und der gesamten Buchmesse. Annika Scheffel selbst ist eine wahnsinnig intelligente, redegewandte und nach außen sehr selbstsicher auftretende junge Frau. Meiner Meinung nach ein Glücksgriff für kookbooks. Wer Märchenwelten mag, sollte sich das Buch in jeden Fall kaufen.
Jan Skudlarek ist wiederum ein Mann der keinen Spaß versteht. Seine Gedichte strahlen eine Ruhe aus, wie der Moderator sagte, diese Ruhe habe ich allerdings auf meinem Stuhl wetzend nicht ganz verspürt. Ein Glück, dass Gedichte so kurz sind und er nicht viele las. Punkt. Nora Gomringer danach war der Muntermacher am Ende des Abends. Herzerfrischende vorgetragene Slampoesie mit einer Stimme und Präzision die ihresgleichen sucht. Ihr Buch Klimaforschung (mit CD) ist allen Freunden des Slams wärmstens ans Herz zu legen.


