Eine Kritik

Darf ich in einer Kritik schreiben wie sehr mich etwas aufgewühlt hat? Und zwar geht es um ein Buch. Wobei eigentlich nicht so sehr um das Buch selbst, denn um eine Kritik zu diesem Buch. Eine Kritik die mich aufhorchen hat lassen, die mich dazu verleitet hat nach diesem Buch zu suchen, von dem ich, nachdem ich die Kritik gelesen hatte, auch schon wieder vergessen hatte wie es heißt und wer es geschrieben hat.

Dummerweise ist mir im Vorfeld des Frankfurter Buchmesse-Stresses zu allem Überfluss entfallen wo diese Kritik geschrieben stand in der es hieß, dass dieses Jahr nur das zweitbeste Buch den Deutschen Buchpreis gewinnen wird, denn dieses in der verlorenen Kritik rezensierte Buch sei nicht nur nicht auf der Shortlist zu finden, sondern war schon gar nicht auf der Longlist dabei.

Vor dreizwei Wochen plötzlich, in Leipzig wo sonst, fiel mir ein, ich könnte doch wieder einmal in die Connewitzer Verlagsbuchhandlung schauen. Die stille Hoffnung in mir tragend dieses Buch zu finden, von dem ich gerade mal ein paar Abrisse des Inhalts in Erinnerung behalten habe. Neue Weltordnung, die Schweiz Kommunistisch, seit 100 Jahren Krieg und Schweizerisch-Salzburg. Da die Connewitzer Verlagsbuchhandlung ein mit Herz geführter Buchladen ist war ich mir ziemlich sicher nicht mit leeren Händen dort wieder rauszugehen.

Ich fand einen “neuen” Treichel. Ebenso dünn und ebenso groß gelettert wie die Vorgänger. Ebenso mit dem Hang die eigene Kindheit aufzuarbeiten, das Schicksal mit dem Vater und naja, wir kennen das ja alle. Ich habe es nicht gekauft. Dann war da das neue Buch von Ingo Schulze, Adam und Evelyn. Und da ich mit seinem letzten Buch sehr viel Spaß hatte, hab ich es mitgenommen. Immerhin, ich war mir ja sicher nicht mit leeren Händen den Laden zu verlassen. Damit war das schon mal abgehakt und ich sehr entspannt.

Und dann war es da. Es sprang mir sofort ins Auge. Das Cover ziert eine Landkarte. Eine sehr alt aussehende Landkarte auf der nichts so ist wie es heute tatsächlich ist. Und nichts so ist, wie es jemals war. Volltreffer. Christian Kracht – Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten.

Sehr übersichtlich ist das Buch. Hat eigentlich treichelsche Ausmaße. Der Verlag bewirbt es mit einem 160 Seiten Roman. So auch der Kritiker der Zeit, denn dort habe ich heute dank Google diese damals gelesene und verlorene Kritik wiedergefunden.

160 Seiten, mitnichten. Die Geschichte beginnt auf Seite 11 und endet auf Seite 149. Ergibt in Summe 138 kleine Seiten mit dicken Abständen, zwischen den, und jetzt verrate ich es, Kurzprosatexten. Man kann ja vieles schönreden. Meine Herren.

Ich habe nichts gegen Kurzprosa. Absolut nichts. Dieses Buch aber als den besten deutschsprachigen Roman des Jahres anzubiedern, das ist ein wenig weit her gegriffen lieber Zeit-Kritiker. Ich kann dem wohl genauso wenig abgewinnen wie die Jury des Deutschen Buchpreises. Ich ärgere mich sogar darüber. (Das lasse ich jetzt so zweideutig wie es ist hier stehen.)

Wer das Buch gelesen hat wird wissen, dass es in Schweizerdeutschem Hochdeutsch geschrieben wurde, gegen das grundsätzlich nichts einzuwenden ist, denn ein bisschen über den Tellerrand zu sehen hat noch keinem geschadet. Ich will da sogar anmerken, dass Leser meines Blogs leichteres Spiel haben werden bei der Lektüre dieses Buches, als solche die nicht meine paar Schweizerdeutschen Brocken die ich hier erklärt habe kennen. Ich empfehle auch nicht über die Worte drüberzulesen, sondern sie nachzuschlagen, tut gut.

Eine Sache hat mich dann aber zur Weißglut gebracht. Abgesehen davon, dass das Buch im Nichts beginnt und im Nirgendwo endet und man dazwischen den Hauptprotagonisten durch verbales Brachland begleitet. Ein Buch mit weniger Spitzen und weniger Höhen hat es wohl schon lange nicht mehr gegeben. Der Leser versinkt im Mittelmaß. Und wir halten uns vor Augen, es ist Kurzprosa. Mal ein Stückchen da erdacht und nicht zu Ende geschrieben und mal ein Fetzen dort ins Moleskin gekritzelt der dann nur noch halb zu entziffern war. So geht es dahin und wir fragen uns wohin? Bis es uns auf Seite 137 plötzlich klar wird: “Es machte keinen Sinn,….”

Fünf Minuten Pause zum Hyperventilieren.

Kann mir jemand verdammt noch mal erklären, warum sich der Lektor gerade hier an dieser Stelle die Brille nicht geputzt hat? Gab es überhaupt einen Lektor? Und wenn ja, hat er die Vorschule schon hinter sich gebracht?

Meine lieben Schweizer Freunde wollen mir ja immer einreden, dass “Es macht keinen Sinn” und “Es macht Sinn” zur Eigenheit der Schweizer Sprache gehört. Da halte ich dann aber immer dagegen, dass genügend Studien existieren die nachweisen wann diese Sinnmach-Sch… angefangen hat. Nämlich in den 80-ern des letzten Jahrhunderts.

Ok, genug darüber, die deutsche Sprache lebt…

Die Geschichte des Buches an sich ist, wie ich schon schrieb – ja, sie ist. Aber mehr schon nicht. Es lässt sich vieles hineininterpretieren, vieles aber wovon ein Deutscher wahrscheinlich wenig Ahnung hat, außer er hat hier mitten in Bern gelebt, ist davon Alltag hier. Wir leben Seite an Seite mit Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen dieser Welt und im Prinzip herrscht hier immer Krieg, sogar unter den Schweizern selbst. Die Deutschen schießen scharf und die Schweizer verteidigen sich. Ob das jetzt kommunistische (wie im Buch) oder nationalistische Schweizer sind, ob das ein Krieg oder nur ein Minderwertigkeitskomplex ist, ist beliebig. Genau so beliebig wie der Text dieses Buches.

6 Kommentare »

  1. Nina sagte,

    17. November 2008 @ 20:40

    ROFL! Ach, wie gern hätt ich dich bei der Lektüre der Seite 137 beobachtet!

  2. tibits sagte,

    17. November 2008 @ 21:05

    Oh, du hättest deinen Spaß gehabt. Mir sind fast die Augen rausgefallen und ich fast aus dem Bett und wenn ich nicht kurzfristig diese verkrampften Hände gehabt hätte wäre das Buch gegen die Wand gesegelt. Vielleicht habe ich in letzter Zeit genau deshalb so wenige Bücher gelesen, um diesem ersten Mal so lange wie möglich zu entgehen. Und dann trifft es mich wie der Blitz.

    Bestes Buch des Jahres. Ich hoffe den Typen hat man inzwischen bei der Zeit gefeuert. Aber wahrscheinlich hat ihn Kiwi vom Fleck weg als Pressesprecher engagiert.

  3. aschantinuss sagte,

    19. November 2008 @ 18:08

    Erst in den 80ern? Ich hätte gewettet, dass schon in den 60ern gemeinsam mit Liebe auch Sinn gemacht wurde. Wenn man schon dabei war sozusagen. Aber ich kann es nicht beweisen, weil bei mir damals von Dabeisein weder Rede noch Spur war. Aber du müsstest dich erinnern können (*duck*).

  4. tibits sagte,

    19. November 2008 @ 20:36

    Liebste Nuss,

    ich kann dich beruhigen, ich stehe zu meinem Alter. Deshalb kann ich auch mit gutem Gewissen behaupten, dass mir diese Wendung erstmalig zwischen Anfang und Mitte der 80-er Jahre untergekommen ist. Man könnte natürlich anmerken, dass ich gut behütet und begluckt aufgewachsen bin und ich bis dahin niemals der wilden, weiten Welt der Sprache ausgesetzt gewesen sei. Aber da muss ich alle enttäuschen. Dem war nicht so.

    Ich kann das auch mit sehr großer Sicherheit in diese Zeit datieren, da ich genau weiß welche Person mir diese Wendung erstmals fast täglich vor Ohren geführt hat. Und ich mir schon damals über den Sinn dieser Floskel meine Gedanken gemacht habe, da sie bei mir jedes Mal wenn sie ausgesprochen wurde wie eine Bombe einschlug. Und damals war diesbezüglich noch niemand sensibilisiert oder hat darüber gesprochen.

    Ich begab mich eben auf die Suche nach einer bestimmten der von mir angedeuteten Studien, aber seit ich damals danach gesucht habe hat sich die Masse dieser Wendung in den Suchmaschinen noch einmal kräftig vermehrt und es war mir unmöglich diese Studie zu finden. Ich kann dir aber sagen, dass diese Studie sehr weitreichend war und meiner Meinung nach auch sehr fundiert.

    Ich habe aber als Nebenprodukt zumindest einen Artikel in einer deutschen Sprachzeitschrift aus dem Jahr 2003 gefunden, der mich herzlich auflachen hat lassen. Dort wird auch angemerkt, dass bereits Theodor Fontane diese Floskel verwendet hat. Es wird allerdings auch angemerkt, dass er in England gelebt hat und es durchaus eine flapsige Übersetzung des makes sense sein kann. In diesem Artikel wird darüber hinaus die Verlotterung bzw der Niedergang der Deutschen Sprache auf Grund der umgangssprachlichen Verwendung von der hier diskutierten Floskel, über das falsch verwendete Weil am Beginn eines Hauptsatzes und noch diverser anderer grammatikalischer Patzer diskutiert und auch richtig angemerkt, dass die Deutsche Sprache dadurch nicht untergehen wird.

    Das ist auch meine Meinung, die Grammatik der Hochsprache ist jedoch meines Wissens nach die gültige Grammatik der Schriftsprache und die “Unfloskel” entspricht ganz und gar nicht der deutschen Grammatik. Deshalb tut es mir dermaßen weh so etwas in einem Buch zu lesen. In einem Buch eines renommierten Verlagshauses und dann auch noch einen Kritiker der Zeit ausrufen zu hören, dass es sich dabei um das verkannte Buch des Jahres im deutschsprachigen Raum handelt.

    Darin ist mein Wehklagen begründet.

  5. Nina sagte,

    20. November 2008 @ 19:58

    Ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass das hauptsätzlich gebrauchte WEIL von “Fred Feuerstein” kommt. Von diesem wurde es mir als Kind erstmal wie ein Fausthieb entgegengeschleudert, und ich habe mich sogar sehr darüber amüsiert. Ich will dem Synchronsprecher bzw. Übersetzer auch gar keinen Vorwurf machen – die hatten das als Scherz gedacht. So ähnlich, wie irgendjemand mal “Scherzkeks” und “Witzbold” miteinander gekreuzt hat und man sich eine Weile unglaublich über den “Scherzbold” amüsiert hat, bis er irgendwann als ganz normales Wort in den Sprachgebrauch einging.

    Der deutsche Sprecher von Fred Feuerstein hat das WEIL auch noch extra betont. Quasi nicht nur einen Beistrich, sondern einen Doppelpunkt und einen Absatz dahinter gemacht. Eine richtig schöne Sprechpause, so dass die Absurdität dieser Wortverdrehung so richtig schön schepperte.

    Und jetzt sagt’s jeder. Auch ich. Dem hauptsätzlich gebrauchten WEIL ist nicht zu entgehen, das ist noch viel verbreiteter und zäher als das Sinn-machen. Letzteres habe ich mir schon mit Erfolg abgewöhnt, beim WEIL kämpfe ich immer noch mit mir selbst.
    Aber immerhin: schriftlich wird es mir nie passieren. Weil, dann müsste ich mich ja ur-genieren.

  6. tibits sagte,

    20. November 2008 @ 21:44

    @Nina Das “Ich mein” kommt dann als Nächstes dran. ;o)

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