Verliebt, Verlobt, Geschieden oder Wir sollten alle öfter Ding verwenden
Ja geht denn das?
Ich stelle mir die Frage, ob es möglich sei mich in Dinge zu verlieben und ob sich dabei das gleiche Gefühl einstellt wie wenn ich mich in einen Menschen verliebe.
Ich hatte gestern einen Schub und mich in ein Ding verliebt. Ich war erschlagen, ich konnte an nichts anderes mehr denken. Genau so war es jedes Mal wenn ich mich in einen Menschen verliebt hatte. Ich konnte bis zu einer Woche nicht mehr gerade Denken, nachdem ich diesen Menschen gesehen, gesprochen, gefühlt hatte und dann Abschied nehmen musste auf unbestimmte Zeit.
Ich saß gestern also da und meine Gedanken rasten von einer Ecke in die nächste und wieder zurück. Es spannen sich Fäden (vielleicht war ja auch die kleine Spinne daran schuld, die ich am gestrigen morgen im Spiegel in meinen Haaren herumtanzen sah und dann nicht zu fassen bekam), woben sich zu Tagträumen erster Güte bis ich dann Abends endlich nach Hause gehen durfte.
Nicht nach Hause ging es jedoch, sondern zum Einkaufen und ich spürte auf dem Weg da hin die Schmetterlinge im Bauch flattern, die Abendsonne schien mir ins Gesicht, ich dachte nicht daran, dass wir eigentlich bereits Sommerbeginn haben, Zeit war in diesem Moment nicht existent. Das Ding hatte mich voll in seinen Bann gezogen. Das Ding beherrschte mich.
Dann bei Migros, wieder einmal (ja, ich habe den Kassenbon kontrolliert und der junge Mann an der Kasse hat seinen Job gut gemacht), läuft mir eine etwas hektisch wirkende jüngere Frau über den Weg. Sie war sehr verschwitzt, so als ob sie gerade aus dem Gym kam und nun ganz rasch ihre Einkäufe erledigen musste, um schnell nach Hause zu kommen. Sie faszinierte mich. Sie faszinierte mich in meiner Ding-Verliebtheit so sehr, dass auch ich meine Schritte beschleunigte und meine Einkäufe rasch zu einem Ende bringen wollte, nur damit ich an der Kasse noch einen Blick von ihr erhaschen konnte.
Sie war dann an der Kasse neben meiner, mit dem Rücken zu mir. Der Schweiß zeichnete sich am Rücken auf ihrem roten T-Shirt ab und sie trippelte nervös hin und her, da ihre Kassiererin kurz austreten musste und ich an der Nebenkasse dann trotz späterem Eintreffen schneller fertig war als sie. Ich stellte mich dann mit meinem Einkaufswagen so, dass ich sie sehen konnte wie sie ihren großen Migros-Sack packte und sie danach unweigerlich noch einmal an mir vorbeilaufen musste.
Ich blickte sie an, sie blickte mich an.
Dann war sie dahin und ich ging wieder mit Schmetterlingen im Bauch, an mein Ding denkend, in den warmen Sommerabend.



aschantinuss sagte,
21. Juni 2008 @ 12:53
Cooler Text!!
Ding ist mir zu beständig. Da ist nur die Frage, werde ich es mir leisten können und ist es, bis ich es mir leisten kann, noch erhältlich. Der Weg zum Ding also relativ klar mit möglichst rasch Geld Verdienen vorgezeichnet. Nachher alles Paletti – es wird zu mir ziehen, keine Diskussion. Ding wird bei mir im Regal stehen (oder ist Ding ein Haus?), egal was ich aus mir und meinem Leben mache und ich bin die, die das Interesse verliert oder auch nicht. Ding formuliert keine Sätze mit “Du wirst mir fehlen” drin, die zirka 7.452 Deutungen haben, je nachdem wieviel Raum meine Wünsche kriegen. Und ich muss keine Skrupel haben Chaos über sein Leben im Kaufhausregal zu bringen. Verliebt sein in ein Ding, das ist ungefähr so wie mit 10 Euro Einsatz spielen und schon sicher wissen, dass man 10 Euro und 15 Cent draus machen wird.
Lu sagte,
21. Juni 2008 @ 15:35
egal in was oder wen: sich verknallt fühlen ist (absofuckinlutely) toll!
Nina sagte,
21. Juni 2008 @ 16:41
Naja, ich muss da jetzt ein bisschen Realismus in die Sache bringen. Frau tibits romantisiert schrecklich – es war einfach eine Inspiration, die sie überkommen ist. Nicht mehr, nicht weniger. Ich wehre mich ein wenig, die Liebe mit so etwas zu vergleichen, weil Liebe immer mehr ist. Liebe umfasst Seelen. Verliebtsein hingegen ist irrelevant, tut mir leid. Verliebtsein versus Liebe ist wie Fastfood versus gut essen gehen oder gemeinsam kochen.
Im vorliegenden Fall ist es also eine Idee, ein Tun-wollen (das essentiell nicht viel anders aufgebaut ist als ein Haben-wollen, nur etwas produktiver). Und ja, ich kenne das Gefühl mehr als gut. Sowas nennt man eben Inspiration. Es vergeht kaum ein Monat in meinem Leben, in dem ich die Phase nicht durchmache. Ob ich nun an meiner Geschichte arbeite oder an sonstigen Projekten, immer ist da diese Euphorie, diese Begeisterung und am liebsten würde man alles jetzt und sofort in die Tat umsetzen.
Hat dennoch mit Liebe nichts zu tun, nichtmal mit Verliebtsein. Vermutlich sind’s bloß die Endorphine, die die Verwechslung verursachen.
Deshalb mein Rat: Nächstes Mal einen halben Kilo Schoki futtern oder mit irgendeinem halsbrecherischen Karusell fahren, dann werden Sie sehen, liebe tibits, dass das alles nur Biochemie ist.
Und ja, diese Abgeklärtheit ist nötig, wenn man seine Inspiration in die Tat umsetzen will. Schwärmen allein reicht nicht, man verausgabt sich dabei höchstens. Schwärmen versus Planung ist wie Masturbation versus Beziehung. Spricht eine Schwärmerfahrene.
Wolfdietrich sagte,
21. Juni 2008 @ 18:39
ist es möglich sich in dinge zu verlieben?
ich habe mich oft gefragt wie es wohl möglich ist sich in menschen zu verlieben.
und bis vor 8 monaten hätte ich auch nicht geglaubt dass es geht.
verknallt, verliebt, oder liebe sind auch meiner definition nach verschiedene dinge, aber alle haben sie gemein dass ich diese zustände verabscheue. (liegt aber glaub ich an meinem selbstzerstörungstrieb)
Was auch immer das ding ist
viel glück
ich hoffe es läuft alles wie erträumt.
tibits sagte,
21. Juni 2008 @ 20:11
Ach ihr hübschen, der Sommerbeginn findet draußen statt, genießt es. ;o)
Hier noch nachgereicht die Musik zum Beitrag samt Lyrics.
Ich fange von hinten an:
@Wolfdietrich: Nicht traurig sein, auch für dich kommt eines Tages die richtige. Dann wirst du das Gefühl nicht mehr missen mögen. Und für mich hoffe ich es läuft nicht ganz so wie erträumt, denn dann würde ich wohl größenwahnsinnig werden und das könnte der Welt schaden. ;o)
@Nina: Schatzl, natürlich knüpfst du an meinen gestrigen Monolog an und natürlich kannst du es nicht anders betrachten. In diesem Fall aber rate ich dir, lies den Text ohne dein Hintergrundwissen, spür das Gefühl und freu dich, wenn schon nicht für dich, dann wenigstens für mich. Um mehr ging es mir nämlich dabei nicht, denn sonst hätte ich weiter ausgeholt.
Du weißt übrigens, dass ich sehr wohl zwischen der Liebe und dem Verliebtsein unterscheiden kann. Ich verwehre mich aber dagegen, nur weil etwas keine Liebe ist, sondern durch Endorphine gesteuert, es zu unterdrücken, es nüchtern zu betrachten, es zu analysieren, es zu korrigieren. Nein. Ich liebe dieses Gefühl und solange dabei niemand zu schaden kommt, außer vielleicht mir selbst, darf ich es ausleben. Darf ich es kribbeln lassen, darf ich mich zum Deppen machen, darf ich einfach breit grinsend in den Sommerabend fliegen. Mich und mein Gefühl auskostend.
@Lu: Genau, es ist ein sooooo geiles Gefühl.
)))
@Aschantinuss: Dinge können durchaus auch Dinge sein die man nicht kaufen kann. In Dinge die man kaufen kann, habe ich mich schon lange nicht mehr verliebt. Das letzte Mal passiert bei meinem geliebten PowerBook. Es ist mir so sehr ans Herz gewachsen, das ist kein Verliebtsein mehr, daraus ist einfach eine große Liebe geworden.
Dinge die man nicht kaufen kann sind schon mal Träume, oft auch Tagträume. Diese Dinge sind von vielen anderen Dingen beeinflusst und abhängig. Sie fühlen sich aber so richtig an, sie treten wie das plötzliche Verliebtsein in mein Leben. Deshalb der Vergleich. Die Gefühle sind sich sehr ähnlich.
Es ist ja im Prinzip nie ein einziges Ding das den Ausschlag gibt, sondern ein Paket von vielen Dingen die in einen gemeinsamen Nenner fließen und sich dort zu dem einen Ding vereinen. Ein Ding das nur an diesem Ort, zu dieser Zeit unter den gegebenen Bedingungen zu leben beginnt und mir die rosa Brille aufsetzt.
Ich gebe ja nicht gerne Kontrolle ab, aber in diesen Fällen agiere ich mit inniger Leidenschaft ferngesteuert.
aschantinuss sagte,
22. Juni 2008 @ 00:26
Ah, I see – definition problem! Bei mir zu Hause sind Träume, Ideen, Vorhaben und Pläne ja keine Dinge. Ding das wären z.B. eine Badeente. Plan das wäre z.B. mit meiner Badeente die Ardèche hinunterschwimmen und -watscheln. Unterscheiden kann man das leicht an der Zahl der Unwägbarkeiten, die damit in Verbindung stehen. Ein Kuchen ist erst ein Ding wenn er fertig ist (davor gibts ja auch noch die Möglichkeit, dass ein Unding draus wird
) Jetzt verstehe ich dein Gefühl gleich viel besser. Ich dachte schon, eine neue noch regenbogenfärbigere Beanie Babies Serie hätte dir den Kopf verdreht.
tibits sagte,
22. Juni 2008 @ 00:39
Nein, keine Beanies. Die muss ich endlich anfangen zu verkaufen. Materielles ist mir auf weite Strecken nicht wichtig. Deshalb möchte ich auch nicht viel besitzen. Kein Haus, keine Wohnung, kein Auto, einzig einen Computer und ein Bett brauche ich, alles andere kann ich leihen oder mieten.
Ein Unding wird aus meinen Kuchen mit schöner Regelmäßigkeit, deshalb lass mein jetziges Ding besser kein Kuchen sein.
Wolfdietrich sagte,
22. Juni 2008 @ 06:31
Danke
die richtige hab ich eigentlich schon gefunden. da bin nur leider ich der falsche.
schaden, wohltat, glück, segen, fluch,…
die begriffe sind sache des standpunktes und absolut relataiv.
Ich stolpere und falle hin – finde geld – das ist mit irgendwas verseucht – liege im krankenhaus statt zuhause wo gerade ein flugzeug abstürtzt – …
Nina sagte,
22. Juni 2008 @ 12:52
Du darfst dich natürlich nach Herzenslust zum Deppen machen, so oft und so innig du nur willst. Dass man sich dann aber über dich lustig macht, ist dir schon klar, oder? ;-P
Und ja, die Kleinfühler können ihre Emotionen gerne genießen. Wenn man wie ich (leider) solche Unmengen an Gefühl hat, dann bleibt einem gar nichts anderes übrig, als alles zu hinterfragen und zu relativieren. Ich wandle ständig an Abgründen entlang, da muss man notgedrungen besser aufpassen, als wenn man sich in der sicheren Mitte aufhält.
Was konkret soll ich aber am Sommer genießen? Die Schweißflecken in der Kleidung? Das Schwitzen an sich nebst einhergehendem Gestank (v.a. in der U-Bahn)? Die Kopfschmerzen vom grellen Licht? Die Atembeschwerden aufgrund drückender Luft? Die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit, weil einem nach 5 Minuten entweder das Wasser aus den Poren rinnt oder der Kreislauf versagt?
@ Wolfdietrich: Donnie-Darko-Syndrom?
tibits sagte,
22. Juni 2008 @ 13:18
Mein ganzes Leben lang wird über mich gelacht. Ich habe mich daran gewöhnt. ;oP
Kleinfühler. Nina, ich liebe deine Gabe andere zur Schnecke zu machen.
Und was den Sommer anbelangt. Hier gibt es keine U-Bahn, meine Arbeit erreiche ich zu Fuß, die Sonne mag ich solange ich mich danach wieder in meine schattige Wohnung zurückziehen kann und mein Kreislauf hat noch keine Probleme gemacht. Ich bin jetzt also mal froh, dass es warm und trocken ist.
Donnie-Darko *rofl* Können wir uns den Film nächstens noch einmal ansehen?
Wolfdietrich sagte,
22. Juni 2008 @ 13:50
@ nina
der flugzeugabsturz kam mir eher zufällig in den sinn.
So zufälling wie es geht wenn man in Wr. Neustadt am Flugfeld lebt.
ein donnie-darko-syndrom geht sich bei mir glaub ich nicht aus.