Letzte Woche habe ich die neue Krachkultur bekommen. Heute während meiner Reise habe ich dann die darin enthaltene Geschichte (ist eigentlich ein Auszug aus einem längeren Romanprojekt) von Katharina Höcker namens „Die Hanna-Fragmente“ gelesen.
Anfangs tat ich mir schwer hineinzufinden. Es war schon ziemlich eklig. Aber so nach und nach fand ich sogar richtigen Spaß an der Geschichte. Ihr Stil erinnerte mich an den von den Kritikern damals sehr ambivalent aufgenommenen Roman von Susanne Riedel Die Endlichkeit des Lichts und auch daran, dass ich selbst auf Grund der Tatsache, dass ich Susanne Riedels Stil witzig und rhythmisch (wenn ich jetzt sage lyrisch, werde ich noch zerrissen) fand, eine kleine Homage (wenn auch ohne tieferen Sinn) auf ihren Roman schrieb.
Ja und heute hatte ich bei Katharina Höcker permanent ein Déjà-Vu und ununterbrochen ein Grinsen auf dem Gesicht, weil ich wieder einmal riesigen Spaß beim Lesen hatte. Da ich euch natürlich nicht von meinem „Spaß“ ausschließen will, hier mein besagter Text aus dem Jahre 2004 und wer danach noch nicht genug hat und den Spaß komplettieren möchte der lese bitte auch die beiden oben erwähnten Texte:
Ekstase
Redlich, beredt, ehrlich, entbehrlich. Warum kommt nichts wenn ich mit C. darüber zu sprechen versuche, stumm, lautlos. Die Wellen manifestierend, überlappend, weiter ausholend, aushöhlend?, gibt es diese Bestimmung, seelisch, geistig, körperlich, wie fühlt es sich an, diese Sekunden wenn dein Kopf auf das Schafott geführt, gekniet mit verbundenen Augen – nein, nehmt sie mir ab, ich will ihm ins Antlitz blicken, starr, vorher, genauso wie nachher, wie fühlt es sich an die scharfe Klinge im Nacken? Werde ich danach noch kurz spüren? Sehen? Mein eigenes Ich erblicken? Tief in mir drinnen! So klar, so karg. Nur Bruchteile von Sekunden – getrennt – aus. Ausufernd dringt es in mich ein, die Kälte, die Starrheit.
Aber sie sagt kein Wort, streift mich mit ihren Blicken. Schneidet mein Herz entzwei. Lässt die eine Hälfte noch blutüberströmt pochend in den Kochtopf gleiten. Der Rest wird verschenkt, ein Niemand der des Weges kommt nimmt es an sich, trägt es fort, ins Nichts. Verloren, ich habe verloren, ich habe es verloren. Der Sieg ist ihrer, sie triumphiert, ihr Lachen gleicht dem des Henkers, dabei war dieser anfänglich mit ernster Miene an sein Werk gegangen. Hatte es zumindest vor, aber es überkam ihn, es war ein schrecklicher Anblick, schrecklicher als das Beil, ich war erleichtert als es zu Ende ging, es machte flatsch und klock, hinfort, fort, weit ab, viel weiter, zu weit.
Die Heimkehr war ekstatisch, hoch jubelnd, erleichtert. Über allem schwebte dieser gelbe Ball. Kehrt sich ab als er mir ins Auge sieht, vergeht in einer blutigen Explosion, der Anblick war zu intensiv, zu fordernd, zu viel. Die Abkehr ein logischer Schluss, zu logisch, dass es niemals logisch erscheinen kann, nicht mal könnte.
Ich blicke sie an, sie erkennt, versteht was ich zu sagen versuche. Liest in meinen ausgetrockneten Augen, kein blinzeln stört ihr vordringen, ich lass es geschehen, ich bin der ausgetrocknete Fluss, der geduldig und ohne zu murren auf den nächsten Regenguss wartet. Sich darin badet wenn es soweit ist. Es genießt ohne zu wollen. Niemals ist es ein wollen, es ist die göttliche Einsicht die mich treibt, es treiben lassen, egal wohin, egal wie schnell, jede Biegung wie auf einem Schlitten gleitend, auskostend, bis mich das große Meer verschluckt, mich verändert, zu einem seiner Wasserteilchen. Mich mit Salz, NaCl, versetzt, mich unbrauchbar macht, mir einen Stempel aufdrückt und mich einverleibt.
Schluchzend erkenne ich was ich verlor, lasse mich erst fallen, kämpfe zuletzt, bewege mich an die Oberfläche, treibe erneut, diesmal hoffend, dass dieser gelbe Ball mir zu Hilfe eilt, mich emporhebt und zu sich holt, wie er schon Milliarden Milliarden Milliarden Milliarden Milliarden zu sich holte, errettet aus den Klauen der Kälte. Hoffnung gebend. Die Wiederauferstehung, ganz religiös; ich falle, alles verschwimmt, wieder eine von Millionen, wie die Lemminge stürzen wir abwärts.
Fühlen uns so frei, bis wir zerplatzen, der Eingeweide entrissen, mikrofein zerstäuben und verschwinden, die Geburt, wir wachsen. Langsam. Reifen. Unendlich lange. Bis wir uns wieder vereinigen, heftiger als je zuvor.
Ich erkenne meine Hand auf der ihren, nicht wissend wie sie da hinkam, zucke zurück.
Zu spät! Der gleiche Fehler erneut!
Wann erkenne ich? Lerne? Verstehe?