Archiv für Mai 2007

Das erste Gewitter

Gestern war‘s. Gestern Abend kurz vor 19 Uhr, um genau zu sein. Plötzlich verdunkelte sich die Welt, um im nächsten Moment Schatten auf kurzfristig hell erleuchtete Gesichter zu zaubern. Ein Krachen bei dem das Reinigungspersonal zusammenzuckte und ein heftiger Regenguss stellte sich dabei ein.

Das erste Gewitter für mich in diesem Jahr in Bern. Es war schön zuzusehen. Weniger schön war, dass ich genau zu der Zeit eigentlich nach Hause gehen wollte und dadurch unfreiwillig etwas länger blieb, in der Hoffnung der heftige Regen hört wieder auf.

Kurz sah es auch so aus, allerdings nur sehr kurz. Zu guter Letzt wollte ich dann nicht im Büro übernachten und trat den Heimweg an. Es war nach wie vor sehr warm und ich zudem sehr nass als ich meine Wohnung betrat.

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Krachkultur 11/2007

Letzte Woche habe ich die neue Krachkultur bekommen. Heute während meiner Reise habe ich dann die darin enthaltene Geschichte (ist eigentlich ein Auszug aus einem längeren Romanprojekt) von Katharina Höcker namens „Die Hanna-Fragmente“ gelesen.
Anfangs tat ich mir schwer hineinzufinden. Es war schon ziemlich eklig. Aber so nach und nach fand ich sogar richtigen Spaß an der Geschichte. Ihr Stil erinnerte mich an den von den Kritikern damals sehr ambivalent aufgenommenen Roman von Susanne Riedel Die Endlichkeit des Lichts und auch daran, dass ich selbst auf Grund der Tatsache, dass ich Susanne Riedels Stil witzig und rhythmisch (wenn ich jetzt sage lyrisch, werde ich noch zerrissen) fand, eine kleine Homage (wenn auch ohne tieferen Sinn) auf ihren Roman schrieb.

Ja und heute hatte ich bei Katharina Höcker permanent ein Déjà-Vu und ununterbrochen ein Grinsen auf dem Gesicht, weil ich wieder einmal riesigen Spaß beim Lesen hatte. Da ich euch natürlich nicht von meinem „Spaß“ ausschließen will, hier mein besagter Text aus dem Jahre 2004 und wer danach noch nicht genug hat und den Spaß komplettieren möchte der lese bitte auch die beiden oben erwähnten Texte:

Ekstase

Redlich, beredt, ehrlich, entbehrlich. Warum kommt nichts wenn ich mit C. darüber zu sprechen versuche, stumm, lautlos. Die Wellen manifestierend, überlappend, weiter ausholend, aushöhlend?, gibt es diese Bestimmung, seelisch, geistig, körperlich, wie fühlt es sich an, diese Sekunden wenn dein Kopf auf das Schafott geführt, gekniet mit verbundenen Augen – nein, nehmt sie mir ab, ich will ihm ins Antlitz blicken, starr, vorher, genauso wie nachher, wie fühlt es sich an die scharfe Klinge im Nacken? Werde ich danach noch kurz spüren? Sehen? Mein eigenes Ich erblicken? Tief in mir drinnen! So klar, so karg. Nur Bruchteile von Sekunden – getrennt – aus. Ausufernd dringt es in mich ein, die Kälte, die Starrheit.

Aber sie sagt kein Wort, streift mich mit ihren Blicken. Schneidet mein Herz entzwei. Lässt die eine Hälfte noch blutüberströmt pochend in den Kochtopf gleiten. Der Rest wird verschenkt, ein Niemand der des Weges kommt nimmt es an sich, trägt es fort, ins Nichts. Verloren, ich habe verloren, ich habe es verloren. Der Sieg ist ihrer, sie triumphiert, ihr Lachen gleicht dem des Henkers, dabei war dieser anfänglich mit ernster Miene an sein Werk gegangen. Hatte es zumindest vor, aber es überkam ihn, es war ein schrecklicher Anblick, schrecklicher als das Beil, ich war erleichtert als es zu Ende ging, es machte flatsch und klock, hinfort, fort, weit ab, viel weiter, zu weit.

Die Heimkehr war ekstatisch, hoch jubelnd, erleichtert. Über allem schwebte dieser gelbe Ball. Kehrt sich ab als er mir ins Auge sieht, vergeht in einer blutigen Explosion, der Anblick war zu intensiv, zu fordernd, zu viel. Die Abkehr ein logischer Schluss, zu logisch, dass es niemals logisch erscheinen kann, nicht mal könnte.

Ich blicke sie an, sie erkennt, versteht was ich zu sagen versuche. Liest in meinen ausgetrockneten Augen, kein blinzeln stört ihr vordringen, ich lass es geschehen, ich bin der ausgetrocknete Fluss, der geduldig und ohne zu murren auf den nächsten Regenguss wartet. Sich darin badet wenn es soweit ist. Es genießt ohne zu wollen. Niemals ist es ein wollen, es ist die göttliche Einsicht die mich treibt, es treiben lassen, egal wohin, egal wie schnell, jede Biegung wie auf einem Schlitten gleitend, auskostend, bis mich das große Meer verschluckt, mich verändert, zu einem seiner Wasserteilchen. Mich mit Salz, NaCl, versetzt, mich unbrauchbar macht, mir einen Stempel aufdrückt und mich einverleibt.

Schluchzend erkenne ich was ich verlor, lasse mich erst fallen, kämpfe zuletzt, bewege mich an die Oberfläche, treibe erneut, diesmal hoffend, dass dieser gelbe Ball mir zu Hilfe eilt, mich emporhebt und zu sich holt, wie er schon Milliarden Milliarden Milliarden Milliarden Milliarden zu sich holte, errettet aus den Klauen der Kälte. Hoffnung gebend. Die Wiederauferstehung, ganz religiös; ich falle, alles verschwimmt, wieder eine von Millionen, wie die Lemminge stürzen wir abwärts.

Fühlen uns so frei, bis wir zerplatzen, der Eingeweide entrissen, mikrofein zerstäuben und verschwinden, die Geburt, wir wachsen. Langsam. Reifen. Unendlich lange. Bis wir uns wieder vereinigen, heftiger als je zuvor.

Ich erkenne meine Hand auf der ihren, nicht wissend wie sie da hinkam, zucke zurück.
Zu spät! Der gleiche Fehler erneut!
Wann erkenne ich? Lerne? Verstehe?

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We are the Pet Shop Boys

Noch eine vorletzte Meldung aus dem wunderschönen Düsseldorf.

Die Pet Shop Boys waren wieder einmal da und ich konnte nicht widerstehen und musste sie besuchen.
Es war eine tobende Menschenmenge in der Halle. Naja, nicht alle haben getobt, manche standen nur so rum. Ich habe aber getobt, von Anfang bis Ende (2 Stunden durchgehend) und sogar ganz gut gesehen, nachdem ich zu Anfang dachte ich widme diesen Blogeintrag meiner imaginären Wunschliste mit dem Titel „Einmal bei einem Konzertbesuch nur Menschen in der Größe eines Dirk Bachs vor mir“. Dank meiner Textfestigkeit und meiner engelhaften Stimme war aber sowieso in kürzester Zeit sehr viel Platz rund um mich.

Jetzt überlege ich schon hin und her ob ich nächste Woche nicht auch noch das Konzert der PSB in Zürich besuchen soll. *hach*

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Ereignislose Vergiftung

Ich war heute wie jede Woche ein Stück mit der SBB unterwegs ins Wochenende und fast hätte es danach für mich kein Wochenende mehr gegeben. Nicht nur, dass der Wagen total voll war, stiegen zu guter Letzt in Bern noch eine junge Großfamilie in den Wagen ein. Samt Katze, Kind und Kegel.
Zuerst saß die wahrscheinliche Mutter mit Kind mir gegenüber, aber die hielt es dann mit mir offensichtlich nicht mehr aus (ich las gerade über Goethes Haus in Weimar, nicht laut) denn dann setzte sie sich weg und der Kegel setzte sich mir gegenüber. Dieser Kegel war nicht ohne. Breitbeinig und bis zum Rückenansatz im Sitz versunken saß der da und ich las halt weiter. Dann plötzlich ein stechender Geruch in der Nase. So stechende, dass es mir den Atem verschlug und ich den Kopf gegen die Kopfstütze meines Sitzes schlug.

Ich will ja nicht jemanden verurteilen, der es unter Umständen gar nicht war, vielleicht war es auch der schmale Typ neben ihm, der mit Oropax in den Ohren die Anatomie schwangerer Frauen zu verstehen versuchte (wohl ein angehender Arzt). Oder aber es war das kleine Kätzchen neben mir oder das Kind hinter mir, aber egal, es stank so erbärmlich, dass ich fast ohnmächtig wurde und es mir verdammt schwer fiel mich auf Goethes Junozimmer und Urbinozimmer und Besuche zu konzentrieren. Es ist auch verdammt schwer zu lesen wenn man schon blau im Gesicht anläuft. Es hat sich dann dank der einmaligen Klimaanlage in den Wagen der SBB relativ rasch verzogen. Ich wollte mich schon freuen, als es plötzlich wieder in der Nase stach. Und dann wieder und wieder und wieder. Es dauert eine Stunde bis man aus Bern mit dem Zug in Zürich ist, aber das war die längste Stunde meines Lebens und fast auch die letzte. Denn kurz vor Zürich wollte ich noch schnell sterben. Als nämlich schon alle zum Aussteigen angestellt waren, kam noch eine Abschiedswolke angeflogen.

Jetzt werdet ihr sagen, warum hat sie sich nicht weggesetzt. Und ich werde antworten, wohin denn? Dieser Zug ist zwar schon sehr lang, aber als Besonderheit hat er an seinem Ende noch drei extra Wagen hängen, aus denen man nicht in den langen Zugteil kommt. Zwei dieser Wagen sind erste Klasse Wagen und nur einer, in dem ich saß, ist zweite Klasse. Der war rappelvoll. Ich stieg ja in diesen Wagen ein, da er so weit hinten am Bahnsteig steht und ich vermeintlich dachte, da kommt sowieso keiner hin. Aber die Rechnung habe ich ohne jene gemacht die sich wohl das gleiche gedacht haben. Das nächste Mal setze ich mich dann wieder in den anderen Zugteil. Ist zwar auch nicht viel weniger dicht besetzt, aber es besteht wenigstens die Möglichkeit in einen anderen Wagen davonzulaufen.

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Lust zur Unlust

Oft wache ich morgens auf und habe das Gefühl der heutige Tag wird nie zu Ende gehen. Das Gefühl zieht sich dann wirklich schleppend durch den Tag. So schleppend wie ich mich dann vorwärts (manchmal auch rückwärts) bewege.
In Deutschland kann das zu großen Problemen führen. Ich stehe dann oft im Weg (obwohl ich gehe), während die anderen versuchen nicht mit mir zu kollidieren.

Hier in Bern ist das jedoch anders. Hier falle ich gerade an solchen Tagen nicht auf.
Eine Studie hat nämlich gezeigt, dass sich die Berner gegenüber Bewohnern anderer getesteter Orte am drittlangsamsten vorwärts bewegen. Immerhin noch vor Manama (Bahrain) und der weit abgeschlagenen (kann man das in diesem Kontext so sagen?) malawischen Stadt Blantyre (und oute ich mich jetzt als ungebildet, wenn ich sage von dieser Stadt noch nichts gehört zu haben und nicht mal weiß wo Malawi liegt?).

Zumindest weiß ich wo Bern ist und verstehe jetzt auch warum ich immer einen Spießrutenlauf hinter mich bringen muss, wenn ich an für mich normal-schnellen Tagen unter den Berner Arkaden einkaufen gehe. Schade, dass ich Sonntags nie da bin.

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