Ereignislose Vergiftung
Ich war heute wie jede Woche ein Stück mit der SBB unterwegs ins Wochenende und fast hätte es danach für mich kein Wochenende mehr gegeben. Nicht nur, dass der Wagen total voll war, stiegen zu guter Letzt in Bern noch eine junge Großfamilie in den Wagen ein. Samt Katze, Kind und Kegel.
Zuerst saß die wahrscheinliche Mutter mit Kind mir gegenüber, aber die hielt es dann mit mir offensichtlich nicht mehr aus (ich las gerade über Goethes Haus in Weimar, nicht laut) denn dann setzte sie sich weg und der Kegel setzte sich mir gegenüber. Dieser Kegel war nicht ohne. Breitbeinig und bis zum Rückenansatz im Sitz versunken saß der da und ich las halt weiter. Dann plötzlich ein stechender Geruch in der Nase. So stechende, dass es mir den Atem verschlug und ich den Kopf gegen die Kopfstütze meines Sitzes schlug.
Ich will ja nicht jemanden verurteilen, der es unter Umständen gar nicht war, vielleicht war es auch der schmale Typ neben ihm, der mit Oropax in den Ohren die Anatomie schwangerer Frauen zu verstehen versuchte (wohl ein angehender Arzt). Oder aber es war das kleine Kätzchen neben mir oder das Kind hinter mir, aber egal, es stank so erbärmlich, dass ich fast ohnmächtig wurde und es mir verdammt schwer fiel mich auf Goethes Junozimmer und Urbinozimmer und Besuche zu konzentrieren. Es ist auch verdammt schwer zu lesen wenn man schon blau im Gesicht anläuft. Es hat sich dann dank der einmaligen Klimaanlage in den Wagen der SBB relativ rasch verzogen. Ich wollte mich schon freuen, als es plötzlich wieder in der Nase stach. Und dann wieder und wieder und wieder. Es dauert eine Stunde bis man aus Bern mit dem Zug in Zürich ist, aber das war die längste Stunde meines Lebens und fast auch die letzte. Denn kurz vor Zürich wollte ich noch schnell sterben. Als nämlich schon alle zum Aussteigen angestellt waren, kam noch eine Abschiedswolke angeflogen.
Jetzt werdet ihr sagen, warum hat sie sich nicht weggesetzt. Und ich werde antworten, wohin denn? Dieser Zug ist zwar schon sehr lang, aber als Besonderheit hat er an seinem Ende noch drei extra Wagen hängen, aus denen man nicht in den langen Zugteil kommt. Zwei dieser Wagen sind erste Klasse Wagen und nur einer, in dem ich saß, ist zweite Klasse. Der war rappelvoll. Ich stieg ja in diesen Wagen ein, da er so weit hinten am Bahnsteig steht und ich vermeintlich dachte, da kommt sowieso keiner hin. Aber die Rechnung habe ich ohne jene gemacht die sich wohl das gleiche gedacht haben. Das nächste Mal setze ich mich dann wieder in den anderen Zugteil. Ist zwar auch nicht viel weniger dicht besetzt, aber es besteht wenigstens die Möglichkeit in einen anderen Wagen davonzulaufen.


