Mir ist bewusst, dass dies eigentlich ein Blog über die Schweiz sein sollte, aber da sind Ereignisse in meinem Leben die für mich persönlich von viel zu wichtiger Natur sind, um nicht darüber zu berichten.
Warum ist also gerade Leipzig für mich so wichtig? Egal wen ich von meinem Umzug nach Leipzig bisher erzählt habe, fragte mich: Warum Leipzig? und sah mich dabei mit großen und absolut nicht verstehenden Augen an. Meine Antwort war anfangs ein ebenso erstaunter und fragender Blick zurück mit der Frage auf den Lippen verbunden: Warum nicht? oder Kennst du Leipzig, warst du schon mal da?
Ich war da, mein Schicksal hat dafür gesorgt, dass ich da unbedingt mal vorbeikomme. Im Sommer 2004 war es. Vorangegangen ist der Versuch die Eignungsprüfung für das DLL – Deutsches Literaturinstitut Leipzig zu schaffen und in Leipzig Schriftstellerei zu studieren. Ich hatte mir damals, als ich tagelang an meinen Manuskripten herumgefeilt habe, niemals gedacht, dass ich damit die Aufmerksamkeit der Professoren am DLL auch nur länger als eine Sekunde gewinnen könnte. Aber es kam dann ganz anders. Eines Tages im Juni landete ein Brief des DLL in meinem Briefkasten und darin stand, ich solle bitte so gütig sein und an einem bestimmten Tag Ende Juni in der Villa des DLL anwesend sein, um in einem Gespräch mit drei Professoren feststellen zu können, ob ich für das DLL geeignet sei. (Ich war eine von 50 eingeladenen aus etwa 600 Bewerbungen in diesem Jahr.)
Ich war atemlos, ich war sprachlos, ich schwebte im siebten Himmel. Eine Freundin aus Wien (ich selbst lebte damals in Düsseldorf) begleitete mich dann für dieses Wochenende nach Leipzig. Mein Termin war Montag nachmittags. Somit hatte ich ein ganzes Wochenende, um zu bibbern. Und ein ganzes Wochenende, um gemeinsam mit meiner Freundin Leipzig zu erkunden. Das Wetter war damals herrlich und daher stand einer ausgiebigen Erkundung nichts im Wege. Wir wohnten an diesem Wochenende in einem Hotel, welches sich in unmittelbarer Nähe zu meiner jetzigen Wohnung befindet (Zentrum-Südost, wer es genauer wissen möchte).
Wir begingen die Leipziger Altstadt, fanden heraus wo sich das DLL befindet, um Montags nicht zu lange suchen zu müssen, besuchten das Völkerschlachtdenkmal mit den Urahnen von Bernd das Brot, vertrieben uns die Zeit an einem Nachmittag am Cospudener See (ein gefluteter, ehemaliger Braunkohletagebau), um vor Ort Juli Zehs Beschreibung der Wölkchenmaschinen und des Hundebadestrands verifizieren zu können und spazierten die Karl-Liebknecht-Straße entlang. Dazwischen blieben wir immer wieder an dem einen oder anderen alten, verfallenen Haus stehen und ich fantasierte hier eines Tages so ein Haus zu besitzen und zu restaurieren. Ein Haus hat es mir hier im Zentrum-Südost besonders angetan. Es war wohl einst eine stattliche Villa mit schönem Garten. Aktuell jedoch total verwildert und verfallen. Aber es hatte die Aufschrift „Berlin Verlag“ auf einer der Häuserwände. Von diesem Haus träume ich heute noch. Allerdings kam ich jetzt noch nicht dazu mich hier näher umzusehen, um herauszufinden ob dieses Haus überhaupt noch steht.
Jedenfalls kam dann der Montag, ein ausgiebiges Frühstück im Café Albert (welches ich später bei meinen Leipzigaufenthalten immer wieder besuchte, das aber mittlerweile leider angeblich wegen der City-Tunnel-Baustelle und entsprechenden Einnahmeausfällen, wer setzt sich schon gerne neben Baumaschinen, Schutt und Lärm in einen Gastgarten, geschlossen wurde) und um 14 Uhr das Gespräch im DLL. Ein Gespräch bei dem wohl alles schief lief, was nur schief laufen konnte. Drei Menschen mir gegenüber, eine Frau und zwei Männer. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr an deren Namen erinnern. Einer der drei schien mir wohlgesonnen zu sein, die beiden anderen waren extrem ablehnend. Ritten auf einem grammatikalischen Fehler im Text herum, der passierte weil ich den Satz kurzfristig umkonstruierte und dabei ein persönliches Fürwort übersehen hatte. Fragten ob ich mir denn vorstellen könne mich von 20-jährigen kritisieren zu lassen, als ich dann antwortete, dass ich mit 20-jährigen wesentlich besser zurecht käme als mit Menschen meines Alters (ich war 41 zu dem Zeitpunkt), hatte ich bei dem rechts von mir sitzenden Germanisten wohl wieder ein paar Minuspunkte eingestreift. Darüber hinaus lies ich anklingen, dass ich gerne auch Drehbücher schreiben lernen möchte und da herrschte mich die Dame mir gegenüber fast an, dass es da bessere Institute gäbe als das DLL (hab ich je gesagt, dass ich Drehbücher als meine Hauptbeschäftigung ansehe, ich wollte das als Zweitfach belegen). Es waren jedenfalls etwa 20 Minuten die ich mir einerseits sparen hätte können, die ich aber andererseits heute auch nicht missen möchte. Denn ich habe mich in den zweieinhalb Tagen vor dem Gespräch in diese Stadt und deren Menschen verliebt. Letzteres ist wichtig dazuzusagen. Denn diese Stadt lebt durch ihre Menschen. Die Bewohner hier sind so anders als alles was ich bisher in Städten erlebt habe. Weder Wien, noch Düsseldorf, noch Hamburg, vielleicht ein wenig im Ostteil Berlins, aber ganz sicher auch nicht Bern hat solch offene Menschen. Hier ist man was man ist. Hier schaut dich keiner schief an, wenn du den metaphorischen Pickel auf der Nase hast. Hier komme ich einfach mit mir wildfremden Menschen ins Gespräch wie nirgendwo anders. Man sagt den Einwohnern des Rheinlandes nach, dass sie sehr gesprächig sind, aber die Sprechen dort aus Leidenschaft zum Sprechen, aber versuche mal mit denen warm zu werden. Da stößt du auf eine Mauer des Schweigens. Hier in Leipzig spricht man mit dem Herzen. Ich bin hier noch nie in einem Gespräch auf eine Wand gestoßen. Hier unterstützt man sich gegenseitig. Ich habe so etwas ganz ehrlich noch nirgendwo sonst erlebt.
Ich bin dieses Wochenende alleine nach Leipzig gezogen, aber ich fühle mich hier, als hätte ich schon immer hier gewohnt und kenne jede Menge Menschen die mich mit offenen Armen aufnehmen.
Aber vielleicht ist das nach wie vor mein verklärter, verliebter Blick den ich für diese Stadt habe und „The novelity wears off soon“, wir werden es ja sehen.